ACO Tiefbau

ACO Regenwelten
Ein kurzes Resümee zur Seminarreihe aus 2017

Das Interesse an der diesjährigen Veranstaltungsreihe hat uns schlichtweg beeindruckt. Mit 740 Teilnehmern aus Planungsbüros, Behörden, Bauunternehmen und dem Fachhandel haben wir einen Zuwachs von 25 % gegenüber 2015 zu verzeichnen. Die anerkennenden Worte vieler Teilnehmer gelten den Referenten und dem gesamten ACO Organisationsteam. Für uns ist die sehr gute Resonanz Ansporn und zugleich Verpflichtung, die ACO Regenwelten weiterzuentwickeln und alle Beteiligten für eine Diskussion und Zusammenarbeit rund um das Thema Regenwassermanagement zu sensibilisieren.

Mehr Eindrücke und Aussagen der Teilnehmer aus Leverkusen im Video. Schauen Sie mal rein.

Wir freuen uns auf Sie in 2019!

 

„Ich fürchte, die Regenmengen werden sogar noch größer“
Mai 2018: Interview mit Dr. Meeno Schrader

Dr. Meeno Schrader beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren weltweit mit dem Wetter und ist auf diesem Gebiet ein echter Allrounder: TV-Wettermoderator, Gründer des meteorologischen Dienstleisters WetterWelt GmbH in Kiel und als leidenschaftlicher Segler ausgewiesener Experte für Seewetter. ACO sprach mit dem promovierten Meteorologen über die Auswirkungen des Klimawandels und darüber was der Mensch tun kann, um sich und seinen Lebensraum dagegen zu schützen.

Herr Schrader, alle reden vom Wetter. Was ist so faszinierend daran?
MS // Die Faszination des Wetters ist seine unglaubliche Vielseitigkeit. Da ist die Natur, die sich in Abertausend Facetten, Formen und Farben äußert und uns in den Bann zieht. Das Wetter ist auch ein Stimmungsmacher. Da ist für sehr viele die physische und psychische Abhängigkeit vom Wetter, aber auch die wirtschaftliche Notwendigkeit, das Wetter in seine Entscheidungen mit einzubeziehen. Das Wetter spendet uns Kraft, Lebensfreude, Energie. Es führt aber auch zu negativen Reaktionen.

Wie kam es, dass Sie das Thema Wetter zu Ihrem Beruf gemacht haben?
MS // Mein leidenschaftliches Hobby Segeln hat mich dazu geführt. Ich bin am Fluss bzw. an der Nordseeküste aufgewachsen, da ist man immer dem Wetter ausgeliefert – das zeigt sich zwar nicht immer von seiner schönsten Seite, ist dadurch aber sehr spannend. So führte mich das Segeln alternativlos nach Kiel, der „Sailing City“, wie Kiel es heute als Claim mit sich führt. Die schlechte Qualität der Wettervorhersagen hat mich während des Studiums dahin gebracht zu sagen: „Das geht sehr viel besser und genauer!“ Das war der Grundstein, um sich selbstständig zu machen und vor fast 20 Jahren einen eigenen Wetterdienst zu gründen.


Es gibt Menschen, Regierungen sogar, die daran zweifeln, dass wir uns inmitten eines Klimawandels befinden. Was entgegnen Sie diesen Menschen?

MS // In der Diskussion sind derzeit vor allem die USA, die als zweitgrößter Emittent von Kohlendioxid aus meiner Sicht in der Pflicht stehen, etwas zu ändern. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mensch und sein Handeln die Hauptursache des Klimawandels sind. Diese Tatsache wird leider immer noch von manchen Politikern, Institutionen und Nationen infrage gestellt. Damit ich richtig verstanden werde: Kritisches Nachhaken und Hinterfragen sind selbstverständlich erlaubt und notwendig als Zeichen eines guten und gesunden Forschungsklimas und einer kritischen Betrachtung. Wenn sich aber am Ende der Diskussion 99 % der Abertausend Wissenschaftler, die an dem Phänomen Klimawandel seit Jahrzehnten forschen, einig sind, dass wir viele Extremwetterereignisse und Veränderungen, die wir im System Atmosphäre und Ozean beobachten, als Folge des menschengemachten Klimawandels bezeichnen müssen, dann sollte man dies erst recht als Laie akzeptieren und zur Grundlage des notwendigen politischen Handelns machen.

Nachweisbar ist, dass etwa Starkregenereignisse in ihrer Intensität in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen haben. Sind unsere Lebens- und Verkehrsräume dafür gerüstet?
MS // Ich bin dafür zwar kein Fachmann, aber nach meiner Einschätzung und Wahrnehmung sind viele Lebens- und Verkehrsräume überhaupt nicht darauf eingestellt. Sonst gäbe es doch deutlich geringere Schäden und Betroffenheit, wenn es zu Starkregen kommt. Überflutungen, Muren abgänge, Sturzbäche sind ja die direkten Folgen des Aufeinandertreffens zu großer Wassermengen mit zu geringen Abflussquerschnitten, nicht vorhandenen Ent lastungseinrichtungen für die Wassermassen sowie fehlenden baulichen Schutzmaßnahmen an gefährdeter Bausubstanz. Die große Schwierigkeit ist dabei, einzuschätzen, wie groß die Wassermassen in Zeiten des sich fortsetzenden Klimawandels in Zukunft sein werden. Die jüngere Vergangenheit hat hier schon gezeigt, worauf wir uns in Zukunft einstellen müssen. Ich fürchte, die Regenmengen werden sogar noch größer.

Was muss aus Ihrer Sicht kurz-, mittel- und langfristig getan werden, um unsere Städte und unsere Infrastruktur gegen solche Wetterphänomene zu schützen?
MS // Auch hier bin ich nicht der Fachmann, sondern der interessierte Beobachter und Meteorologe, der sich mit dieser Thematik etwas näher befasst. Ich denke, es ist ein ganzer Maßnahmenkatalog aufzustellen und abzuarbeiten, um die notwendige Anpassung an den Klimawandel und die damit verbundenen Extremwetterereignisse zu vollziehen. Hierbei sehe ich mehrere Berufszweige und -disziplinen in der Pflicht. Als kurzfristig erachte ich die Notwendigkeit, sich zusammenzusetzen, um schnell ein Bild von der Gefährdungssituation zu gewinnen. Oft sind unterschiedliche, unabhängig voneinander arbeitende Ämter und Abteilungen Bestandteile des Prozesses. Dabei wird nicht selten aneinander vorbeigeplant. Einen großen runden Tisch aller Be teiligten sehe ich als wichtige kurzfristige Maßnahme, um zu einem lösungsorientierten Wassermanagement zu kommen.

Welche Beteiligten müssen zusammenarbeiten, um solche Maßnahmen effizient umzusetzen?
MS // Neben den Städteplanern sind Architekten und Fachplaner aufgefordert, Überflutungsszenarien in die Planung mit einzubeziehen und beim Bau zu berücksichtigen. Darüber hinaus messe ich mittelfristig folgenden Maßnahmen große Bedeutung zu:

  • Städtebauliche Planung, Anlegen von Retentionseinrichtungen für große Wassermengen
  • Vorsorge durch die Kommunen mit besserem, intelligenterem Regenwassermanagement
  • intelligentes Warnsystem
  • zunehmende Eigenvorsorge der Bevölkerung
  • Informationen und Warnung der Bevölkerung, z. B. mithilfe von Risikokarten, vor extremen Niederschlägen und kommunalen Hochwassergefahren
  • genauere Wettervorhersagen für eine rechtzeitigere Warnung
  • verbessertes Warnsystem für die Bürger
  • neue Kultur im Umgang mit Naturgefahren

Es muss betont werden, dass wir um eine Anpassung nicht mehr herumkommen. Dafür hat sich der Klimawandel schon zu weit in das System Atmosphäre/Erde eingegraben. Ziel sollte neben dem Anpassungsprozess dennoch das Entgegenwirken sein. Wenn wir Menschen die maßgebliche Ursache sind, sollte es uns gelingen, einen Teil der Ursachen rückläufig zu gestalten und damit den Klimawandel auszubremsen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage. Sie sind leidenschaftlicher Segler. Ist dieser Sport aufgrund des immer unbe rechenbareren Wetters gefährlicher geworden?
MS // Segelsport ist genauso gefährlich oder ungefährlich wie viele andere Sportarten auch. Nun sind wir beim Segeln dem Wetter zu 100 % ausgesetzt und das erforderte schon immer großen Respekt und Wachsamkeit. Dazu gehört das Einholen von Wettervorhersagen, die dann die Grundlage der Entscheidung bilden sollten, ob man segelt oder an Land bleibt. Eine Zunahme der Gefährlichkeit sehe ich dabei eher in der Unachtsamkeit, keine hinreichend gute Wettervorhersage einzuholen. Das Angebot an Wetterprognosen ist sehr groß und auch heute noch erstaunlich unterschiedlich. Eine schlechte Prognose erhöht dabei die Gefahr. Hier kommt einer detaillierten, inhaltsreichen, differenzierten Seewettervorhersage große Bedeutung und Wichtigkeit zu, um die Gefahr deutlich zu reduzieren. Dafür habe ich vor 20 Jahren mein Hobby zum Beruf gemacht.

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