Vom Regenguss zum Regenschutz:

Erst seit 2010 sprechen Meteorologen von „Starkregen“ – und zwar, wenn in einer Stunde an einem Ort mehr als 25 Millimeter Regen fallen oder binnen sechs Stunden mindestens 35 Millimeter. Dabei liegt das Problem nicht an der Menge an sich, sondern dass sie in kurzer Zeit anfällt – was zu erheblichen Problemen führen kann. Wir sprachen mit Jochen Kurrle, Starkregenmanager bei Drees & Sommer, einem international tätigen Beratungsunternehmen für den Bau- und Immobiliensektor, über Wetterextreme und die Folgen.

Wetterextreme gab es zwar schon immer, doch aufgrund des voranschreitenden Klimawandels rechnen Meteorologen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mit immer stärkeren Wetterextremen. Das macht Klimaanpassungsstrategien gegen Starkregen und extreme Hitze für Städte und Gemeinden immer wichtiger. Das ist meine Kernaufgabe als Starkregenmanager: Ich berate Städte, wie sie sich anhand spezifischer Schutzstrategien vor den Folgen extremer Regenfälle schützen können.

Starkregen zeichnet sich durch extreme Wassermengen, in kurzer Zeit, in den Sommermonaten unter Begleitung von Gewitter und Sturm aus. Dieses Wetterphänomen ist schwer vorauszuahnen, sodass die meisten Städte im Ernstfall davon überrascht werden. Wurden dann nicht schon im Vorfeld Maßnahmen umgesetzt, um Fluten bekämpfen zu können, kann es zu unkontrollierbaren Überschwemmungen und Sturzfluten kommen. Solche Wolkenbrüche können ganze Städte verwüsten. Einstürzende Häuser und mitreißende Gewässer sind beispielsweise Folgen, die im schlimmsten Fall auch Todesfälle mit sich bringen können.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat in den Jahren 2001 bis 2017 11.000 Starkregenereignisse verzeichnet, die allein an Wohngebäuden einen Schaden von insgesamt 6,7 Milliarden Euro verursacht haben. Im Gegensatz dazu verursachten andere Naturgefahren rund 111.000 Schäden. Das sind deutlich weniger als Sturm- und Hagelfälle – jedoch beläuft sich die Höhe der Schäden trotz dessen auf stolze 500 Millionen Euro. Die enormen Kosten zeigen, dass Wetterphänomene wie Starkregen nicht unterschätzt werden sollten. Der Klimawandel sorgt zudem dafür, dass wir in immer kürzeren Abständen mit solchen Ereignissen konfrontiert werden. Eine gute Vorbereitung ist daher alles, um nicht nur Sachschäden gering zu halten, sondern auch Menschenleben zu schützen.

Eine gute Basis für eine erste Analyse liefern so genannte Starkregenkarten. Das sind computergestützte Modelle, die sich auf topographische Eigenarten und Gegebenheiten des Kanalnetzes und der Gewässer stützen und somit Hochwasserrisiken berechnen können. Das allein reicht aber nicht aus. Wichtige Erkenntnisse liefern etwa Fragen nach dem Zustand der Gewässer und der Kanalisationen, nach Hochwasserschutzmaßnahmen, und ob es ausreichend Retentionsbecken und Retentionsflächen gibt, die Wassermassen temporär auffangen. Auch die Erreichbarkeit wichtiger Einrichtungen wie Feuerwehr und Krankenhaus im Katastrophenfall spielt eine zentrale Rolle.

Um sich gegen den Starkregen zu wappnen, müssen Städte zunächst eine aussagekräftige Risikoanalyse erstellen. Dabei müssen bestehende Maßnahmen genau unter die Lupe genommen werden. Beispielsweise können klassische Hochwasserschutzmaßnahmen wie Dämme das Wasser zwar fernhalten. Gleichzeitig drängen sie Wassermassen so stark zusammen, dass sich die Fließgeschwindigkeit erhöht und eine Flutwelle umso verheerender werden kann. Wir setzen deswegen auf eine so genannte blau-grüne Infrastruktur, die Grünflächen, Wassermanagement und den strategischen Einsatz moderner Technik verknüpft. Ein anschauliches Beispiel für so eine blau-grüne Infrastruktur sind Platzflächen und Parks, die Bewohnern bei gutem Wetter als Freizeitfläche dienen und sich bei Wolkenbrüchen in einen See oder Kanal verwandeln. Dieses Konzept der Multifunktionsflächen hält große Wassermengen auf natürlichem Wege zurück.

Die ganzheitliche Anpassung einer Stadt an klimabedingte Veränderungen und Extremwetterereignisse hat ungemeine Ausmaße. Damit die Konversions- und Neubaumaßnahmen in diesem Zuge nicht die Kosten in astronomische Höhe treiben, werden Schutzmaßnahmen vor Starkregenereignissen mit ohnehin geplanten Baumaßnahmen der öffentlichen Daseinsfürsorge kombiniert und auch in der Bauleitplanung verankert. Im Fokus steht dabei nicht nur die Begrenzung der drohenden Überflutungen im Stadtraum, sondern auch die Lösung infrastruktureller Probleme im Zusammenhang mit Mobilität, öffentlichem Raum, Sicherheit und Biodiversität – mit möglichst innovativen Lösungen. Die Stadt erwartet zudem positive Effekte auf Mikroklima, die Gesamtenergiebilanz von Stadtquartieren und die gegenseitige Verträglichkeit der einzelnen Maßnahmen.

Städte und Gemeinden sollten sich frühzeitig Gedanken über den Schutz vor Starkregen machen. Dabei steht im Fokus, wie heute und in Zukunft gebaut wird. Sind Flüsse begradigt worden? Können Grünstreifen, Parkanlagen oder Platzflächen als temporäre Retentionsflächen genutzt werden? Lässt sich die Versiegelung der (Dach-)Flächen verringern? Wo sind Krankenhäuser oder Feuerwachen bzw. andere für den Katastrophenschutz wichtige Gebäude? Sind die Rettungswege im Starkregenfall nutzbar? Fragen wie diese müssen geklärt werden, bevor ein Lösungskonzept erarbeitet werden kann. In jedem Fall ist eine integrierte Infrastruktursystemplanung unumgänglich. Dies hat auch einen weiteren Vorteil: Da ästhetische Aspekte und der Komfort der Bewohner ebenso berücksichtigt werden wie die Funktionalität im Notfall, wird die Lebensqualität enorm aufgewertet.

Vielen Dank, Herr Kurrle, für das Gespräch und abschließend noch ein paar Zahlen zum Thema.

  • Bundesweit gab es in 18 Jahren mehr als 29.000 Starkregenereignisse – überall im Land.
  • Die Schäden sind immens: rund 1,3 Mio. Schäden an Wohngebäuden in Höhe von rund 6,7 Mrd. Euro in 16 Jahren.
  • Sie entstehen in jeder topografischen Lage – auch auf Bergkuppen und an Hängen.

Quelle: GDV

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